Sonntag, 11. Juli 2010

Teaching Total

8. Juli 2010:

Der Tag beginnt wieder vernebelt, vielleicht liegt’s auch daran, dass ich noch nicht ganz wach bin. Nach einer Stunde Beine vertreten auf Station geht’s zum ersten Teaching des Tages. Alle möglichen Frakturen, Komplikationen und Knochenrekonstruktionen werden durchgesprochen. Dr. Stone ist einer der wenigen Ur-Neufundländer, die normales Englisch sprechen. Sogar ich verstehe, dass er über Knochenbrüche referiert und nicht von Kochrezepten schwärmt. Vollgetankt mit frischem Wissen mache ich mich auf den Weg in die Ambulanz. In der Tumor-Sprechstunde sehe ich mehr TEPs als Karzinome, alles läuft ganz entspannt. Mittags werden Pizza mit Garlic Fingers bestellt, das trägt zusätzlich zum guten Klima bei. Am Nachmittag wechseln die Docs und Dr. Stone gibt seine Fußsprechstunde. Besonders un-German findet die Begutachtung eines bekannten MRSA-Patienten mit abheilendem Ulcus statt. Ohne jegliche Vermummung (und sowieso ohne Handschuhe) wird der lädierte Fuß beäugt und Schorf abgepult. Bäh! Ohne Handschuhe fasse ich nicht mal bei uns verwahrloste Zehen an. Mir ist leicht übel. Mein Canada-Mitbringsel hab ich damit auch gleich organisiert: MRSA. Füße wechseln sich mit Sprunggelenken ab, gelegentlich werde ich nach Zehenmuskelinnervation gefragt, bis es kurz nach 5 ist. Das Wartezimmer ist leer, Hoffnung keimt auf. Aber nein, dank meiner übereifrigen Clerk erinnern sich alle an das noch ausstehende Tibia-Teaching und wir dürfen in die Doctors Lounge umziehen. Dort spielt unser Chief Resident die Highlights seiner ER-Karriere nach. Offene Tibiafrakturen scheinen bei ihm an der Tagesordnung zu sein. Es geht immer die Runde rum, ich darf ein Röntgenbild befunden (und werde sogar gelobt) und einen krassen Bruch richten. Den hab ich fälschlicherweise nur reponiert und gecastet und damit zu lang gewartet (an eine Op denke ich noch 11h Krankenhaus wirklich nicht mehr). Unser Patient entwickelt prompt ein Kompartmentsyndrom. Glücklicherweise rettet mein anderer Clerk die Situation und schlitzt das Bein gerade noch rechtzeitig auf. Puh, das ging ja grade nochmal gut. Zum Glück war alles nur Fiktion und wir können gegen halb 7 völlig knülle das Krankenhaus verlassen. Das ist persönlicher Rekord: 11,5h im Health Science Center. Warum hab ich dort eigentlich noch kein Zimmer beantragt?

Zu Hause treffe ich keine Sophie an, sie ist also doch ins Fitti. Ich schnappe also meinen Turnbeutel und spurte los. Fleißig ist sie schon an den Geräten und ihr Bizeps lässt mich vor Neid erblassen. Besonders produktiv bin ich nach dem Hammertag nicht mehr, aber immerhin werde ich keine Einschlafprobleme haben…


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