Mittwoch, 21. Juli 2010

Bi-ba-baden

19. Juli 2010:

Ich verbringe, wie so oft, den ganzen Tag in der Ortho-Sprechstunde. Im OR stehen wieder nur Hüften und Knie auf dem Plan, also nix, was mich vom Hocker reißt. Am Freitag gab's dagegen eine Sensation und ich habe mich freiwillig (eine kleine Premiere) für den OP einteilen lassen: Ein Mann wurde nach einem Verkehrsunfall ins Krankenhaus eingeliefert. Nicht so spektakulär, bis dahin. Er hat sich mit seinem Auto mehrfach überschlagen und ist – Arme schützend über dem Kopf - in einem Wassergraben gelandet. Sehr ungünstig, dass er sich dabei eine doppelseitige Schulterluxation zuzog und sich nicht mehr abschnallen konnte. Ihm lief also das Wasser in Mund und Nase. Glücklicherweise war Rettung zur Stelle. Sein Neffe saß mit im Auto, blieb unverletzt und konnte den hilflosen Onkel vorm Ertrinken bewahren und vom Gurt befreien. Mit seiner bilateralen Schulterluxation ist er glimpflich davon gekommen. Angeblich sind weltweit nur 11 Fälle von beidseitiger Schulterauskugelung dokumentiert. Das erhebliche Trauma hat natürlich der Rotatorenmanschette nicht gut getan, eine Op ist nötig. Logisch, dass alle dem großen Event bewohnen wollten. Ich auch! Großes Glück, dass kein anderer Clerk in Sicht war und ich einen der sterilen Plätze ganz nah am Geschehen ergattern konnte. Die Op lief dann als eine Art Geschicklichkeitswettbewerb ab. Dr. Squire und ich an der rechten Schulter, während sich 2 Residents an der anderen Seite abmühten. Natürlich waren wir schneller fertig. Das lag bestimmt an meiner professionellen Absaugerei :-) So viele spannende und operationswürdige Fälle gibt es allerdings selten in Metropole St. John‘s. Ich werde (Ausnahmen nicht ausgeschlossen) auch in Zukunft die Ambulanz vorziehen.
Das Krankenhaus verlasse ich heute auch ohne Teaching erst um 5 PM, draußen ist es bullig warm. Sophie und ich verabreden uns mit Moazzes in der "Mensa". Dort wird für jeden hungrigen Studenten das passende Fastfood angeboten, für uns gibt's ein Vanilleeis mit Schokosoße. Eigentlich ist der Berg im Pippy Park unser Hikingziel. Doch der Long Pond in Kombination mit herrlichem Sonnenschein sind zu verlockend, die Bergetappe muss aufgeschoben werden. Wohlwissend haben wir die Bikinis unterm Wanderoutfit, sodass wir semi-spontan in den See springen können und eine Runde schwimmen. Einzige Gefahr im wilden Gewässer: von einem gelben Kajak gerammt zu werden. Aber alles geht gut, niemand ertrinkt, mich fröstelt es nur sehr schnell. Wir treten den Heimweg an. Im Laufe des Nachmittags hat sich unser kleines Dachzimmer wieder auf 35°C erhitzt. Sophie stöhnt, ich freue mich ein bisschen. Das ist doch genau die richtige Temperatur zum Aufwärmen meiner bleichen Zehen…

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