21. Juli 2010:
Obwohl nur noch 3 deutsche PJlerinnen von der großen Clerkflut übrig geblieben sind, findet das legendäre Rockwood-Teaching statt. Die Schulter steht heute im Mittelpunkt unserer Diskussion und ich bin das Anschauungsobjekt. Dr. Rockwood gibt uns brauchbare Tipps für die Schulteruntersuchung und nebenbei auch für das Abendessen bei Freunden („Fill your boots“). Danach geht's für mich in das OPD zum netten Kinderorthopäden. Die Sprechstunde ist schnell zu Ende und (der arrogante) Resident Brian nimmt mich mit in die Notafallambulanz. Angekündigt wurde dort ein junger deutscher Patient mit vermeintlicher Hüftfraktur. Als wir das Röntgenbild sehen, wird klar, dass sein rechtes Tibiaplateau zu Bruch gegangen ist. Mit Schatzker V (Basti, das solltest du jetzt auch langsam wissen) ist der Weg in die Gonarthrose schon so gut wie geebnet. Sofort wird Mathew (Name von der Redaktion geändert) mein persönlicher Patient. Ich oute mich und erhebe die Anamnese auf Deutsch. Mathew ist schwer beeindruckt. Am östlichsten Zipfel Neufundlands hat er nicht mit deutscher Betreuung gerechnet. Merkwürdigerweise ist es für mich gar nicht so einfach plötzlich ein deutsches Gespräch im Krankenhaus zu führen. Man verlernt das sehr schnell :-) Ich erfahre, dass sich mein Patient bereits am Sonntag bei einem Fahrradsturz verletzt hat. Er ist sogleich ins Krankenhaus, wurde aber wieder nach Hause geschickt. Es war grad kein Röntgengerät vorhanden. Ab Montagmorgen lag er dann wartend rum bis er zu uns ins Trauma-Zentrum geschickt wurde. Hier ist dann auch schnell klar, dass er an einer OP nicht vorbeikommt. Mathews Name kommt zu den 10 anderen ans Board. Und dort wird er fürs erste auch stehenbleiben. Mathew ist noch nicht sichtlich besorgt, obwohl nix vorwärts geht. Ich an seiner Stelle würde mich vielleicht schon nach Deutschland fliegen lassen...
Gegen halb 3 verlasse ich schon das Krankenhaus, weil die Klinik beendet und im Op keine Hilfe gebraucht wird. Die freie Zeit muss optimal genutzt werden, so mache ich mich gleich auf zur Hatcher-Rezeption. Ich bezahle endlich die verbleibende Hälfte unserer noch ausstehenden Miete. Kurz darauf kommt Sophie freudestrahlend nach Hause. Sie hat grandiose Nachrichten... Sie berichtet, dass Dr. O'Dea angeboten hat, in sein Haus zu ziehen. (Ach du Schreck, ich hab grad bis Ende August die Miete gezahlt!) Unser irischer Tumor-Staff fährt wohl kommende Woche in Urlaub und wir könnten dort kostenlos wohnen, den kleinen Welpen bespaßen und sein Auto nutzen. Einfach so. Obwohl er uns kaum kennt. Auf diese Idee würde in Deutschland niemand kommen. Er lebt in St. Philip‘s, in der Nähe von Bell Island, also würden wir typisch kanadisch mit dem Auto ins Krankenhaus fahren. Das klingt alles ziemlich unglaublich für uns. Wir hätten endlich eine eigene Küche und ein bisschen mehr Luxus als im Hatcher House. Stimmt, da war noch was. Wir rasen runter zur Rezeption und erklären unsere Zwickmühle. Uns wird versichert, dass eine Rückbuchung der Miete problemlos möglich ist. Na bloß gut. Wäre ja schlimm, wenn's daran scheitert. Wir werden über das Angebot noch einmal schlafen (obwohl wir uns bereits entschieden haben) und die Details in den nächsten Tagen klären.
Ganz euphorisiert gehen wir, wie schon letzter Mittwoch, ins Museum. Diesmal besuchen wir die Ausstellung über die Ureinwohner Kanadas (Beothuk) und schauen uns die Fotogallerie zum Thema Öl an. Passt ja ganz gut zum aktuellen Weltgeschehen. Nach der kulturellen Weiterbildung haben wir uns einen Hot Smoothie verdient. Bassil und ich bestellen Hazelnut, Sophie Caramel. Heißgetränkschlürfend machen wir uns auf den Heimweg. Der anfänglich angenehm nussige Geschmack wird zunehmend düster, dann unbeschreiblich bis abartig. Wahrscheinlich bin ich reizüberflutet und bilde mir das ein. Ich überlege, den Rest wegzukippen. Da fragt Bassil, ob Smoothies immer so komisch schmecken. Aha, ich bin also nicht allein mit meiner Geschmacksverirrung! Wir lassen Sophie kosten und sie findet das Gebräu abscheulich. Wir sollten es unter Protest zurückbringen und ein neues fordern! Also wieder zu Tim Hortens. Das Verkaufsmädel kann sich sogar an uns erinnern und guckt etwas irritiert unter ihrem Häubchen vor. Ich zeige ihr unsere disgusting Brühe, sie erschrickt und meint 'Oh, it doesn't look like a Hot Smoothie'. Na, wie denn dann? Wischwasser vielleicht? Wortkarg knallt sie uns zwei neue Becher hin und wir begeben uns erneut auf den Heimweg. Nach wenigen Schlucken ist es mit meiner Trinklust dahin und ich trete den Becher an Sophie ab. Sie beäugt das Heißgetränk erst skeptisch, schnuppert, kostet und befindet es für genießbar. Sie lässt sich die heiße Milch schmecken, während es mir im Bauch grummelt. Für die nächsten Tage habe ich genug von Hazelnut Hot Smoothies. Ich werde wohl Caramel, Mint und Almond den Vorzug geben oder aus Protest einen Michshake bei McDonalds kaufen.
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