Dienstag, 13. Juli 2010

Maddox Cove

10. Juli 2010:

Danke an alle, die mir Kleidungspäckchen geschickt haben. Scheinbar habe ich sehr über die Kälte geklagt, sodass jetzt Robbenfellmütze und Kaninchenmantel in meinem Schrank liegen. Momentan vermisse ich eher meine Schwimmbrille und den Badeanzug. Nein, nicht zur Post laufen - bis das Päckchen hier ist, herrschen garantiert wieder eisige Temperaturen.

Samstag:

Bei strahlend blauem Himmel bringt uns der bereits bekannte nostalgische Schulbus zum Cape Spear. Dort beginnt unsere ca. 11km lange (für uns kurze) Wanderung auf dem East Coast Trail zur Maddox Cove. Beim Aufs-Meer-Starren bilde ich mir sogar ein, einen Wal zu sehen. Oder eher einen Whale-Spout, also ausgestoßenes Walwasser. Was es auch war, es lässt sich nicht mehr blicken. Gemeinsam mit etwa 30 Studenten verschiedenster Nationalitäten klettern wir über Stock und Stein und kämpfen gegen tückische Windböen. Durch den Wind merkt man die 28° kaum. Wir rasten auf einer Art Landzunge und bekommen eine unverhoffte Einladung zum iranischen Barbecue. Nebenbei beschallt uns Ukrainer Andre mit grauenhaftem Englisch, was das Risiko von Ohrenkrebs verdreifacht. Er würde uns gerne nächste Woche eine seiner tollen Fischsuppen (er angelt die Forellen vorher selbst) kredenzen. Wir beschließen, das Angebot wirklich nur im absoluten Notfall anzunehmen, also dann wenn wir absolut keine Instantnudeln mehr sehen können.

Die Sonne prasselt, der Wind lässt kaum nach, wir erreichen Maddox Cove nach reichlichen Trinkpausen gegen 3 PM. Unser gelbes Transportfahrzeug ist noch nicht in Sicht, also waten wir im erfrischenden Atlantikwasser umher. Der Busfahrer ist sehr nett und setzt uns downtown ab, sodass wir noch vor der Halbzeit im Duke eintreffen und das kleine Finale miterleben können. Der dritte Platz muss gefeiert werden! Wir beschließen, die Grilleinladung anzunehmen und machen uns mit Süßkartoffeln und Mais bewaffnet auf den uns beschriebenen Weg. Die Iraner wohnen nicht weit vom Campus entfernt, die Hausnummer meine ich im Kopf zu haben. Wir erreichen das Haus, niemand da, schleichen in den Garten – kein Grill. Komisch. Vielleicht ein Zahlendreher? Hausnummer 196 gibt es nicht mal. Also zurück und nach Steakgeruch schnüffeln. Die ganze Straße erscheint geruchsneutral. Vor Haus 169 sitzen 2 rauchende Mädels, Sophie geht sie ganz mutig nach dem Barbecue fragen. Tatsächlich gibt es eine Einliegerwohnung im Keller und dort treffen wir auf Moazzes, der sich riesig freut uns zu sehen. Obwohl alle schon gegessen haben (das BBQ wurde kurzfristig gecancelt), wird dennoch der Grill angeworfen. Im Eisfach finden sich noch ein paar Würste, aber unsere vegetarischen Snacks bleiben der Renner. Es wird kühler und wir ziehen ins Wohnzimmer um. Dort werden uns persische Leckereien (Datteln und so was ähnliches wie türkischer Nougat) serviert. Über typisch deutsche Musik (natürlich auch Dieter Bohlen ) gelangen wir zum Diskofox. Niemand kennt es, alle wollen es lernen. So üben wir erst 1-2-Tipp, als das sitzt, steigen wir auf Salsa um und gucken schlussendlich den DirtyDancing-Hit auf YouTube. Nur die Amerikanerin kennt und liebt den Film, sodass die männliche Partei schnell davon überzeugt ist, den Film unbedingt anzusehen. Für heute ist es dafür schon zu spät, aber in den nächsten 5 Wochen findet sich bestimmt Zeit für einen DVD-Abend. Und wenn nicht, schauen wir den Film auf unserem Trip nach Toronto. Nicht wahr, Röbi?


Sonntag, 11. Juli 2010

Strawberrys with icecream?


9. Juli 2010:

Auch heute bin ich den ganzen Tag in der Ambulanz eingeteilt. Passend zum bevorstehenden Wochenende sind alle Patienten unwahrscheinlich nett. Viele wollen bissl plaudern und fragen, wo ich denn herkomme. Um die ganze Sache interaktiver zu gestalten, lasse ich sie raten. Lustige Vermutungen werden geäußert: Finnland, Niederlande, Schweiz. Niemand sagt „Germany“. Am stolzesten bin ich auf die Antwort „Maybe England?“. Cool, ich dachte mein Englisch wäre immer noch ne Katastrophe. Das baut doch auf.

85 Patienten werden durch die Sprechstunde geschleust, gegen 4 ist auch der letzte versorgt. Meine erste Clerk (die nette) verabschiedet sich. Ich flüstere ihr ein „Teaching?“ zu, sie winkt ab. Sie ist also auch schon in Wochenendestimmung. Mein zweiter Clerk macht sich auch aus dem Staub und will nach Hause. Gut, ich diktiere meinen letzten Brief zu Ende. Als fertig bin, bin ich ganz alleine. Wo sind denn alle plötzlich hin? Wie dumm, da kann ich gar nicht fragen, ob noch was auf Station zu tun ist :-) Ich gehe zügig zum Spind und werde auch von niemandem aufgehalten. Endlich mal pünktlich Feierabend!

Draußen erschlägt mich fast die Hitze. Unglaublich, wie schnell sich das Wetter hier ändert. Strahlend blauer Himmel und geschätzte 26°C. Wie mir mein Clerk berichtet hat, reißen sich die Leute hier beim ersten Sonnenstrahl die Klamotten vom Leib. Und tatsächlich, in den 15min zum Hatcher House kommen mir 2 Typen oben ohne und ein Mädel im Bikini entgegen. Hier wird scheinbar jeder cm² zur Vitamin-D-Produktion benötigt.

Für den Abend haben wir uns mit Tony zum gemeinsamen Kochen verabredet. Er holt uns ab und wir fahren in einen gigantischen Supermarkt mit Verkostungsständen. Wir probieren ein Stück fluffigen Kuchen und eine neue Fischsorte. Eigentlich könnten wir hier immer zum Abendbrot hinfahren… Aber heute haben wir noch andere Pläne. In Tonys Wohnung mit Blick auf den Quidi Vidi Lake machen wir uns ans Werk. Es soll Schnitzel mit Kartoffeln und Mischgemüse geben, typisch deutsche Küche. Wir schälen fleißig die Erdäpfel und panieren das Fleisch (für mich ein Geflügeltier). Tony kommt immer wieder hungrig vorbei, weil es schon so lecker schnuppert. Unser Endergebnis kann sich echt sehen und vor allem essen lassen! Wir sind richtig genudelt, und brauchen einen Verdauungsspaziergang vorm Dessert. Wir gehen an den See und zeigen Tony das Outdorgym. Obwohl er schon seit Weihnachten keine 5 min davon entfernt wohnt, ist es ihm noch nie aufgefallen. Viel zu satt zum Krafttraining gehen wir lieber wippen und schaukeln auf dem benachbarten Kinderspielplatz. Zurück in der Wohnung kommt das Beste: „Would you like some strawberrys with icecream?“. Oh, yes! Tony zaubert frische Erdbeeren (natürlich gekaufte) aus dem Kühlschrank und wir dekorieren kräftig mit Fürst-Pückler-Eis. Wenn das mal nicht fantastisch schmeckt! Ich weiß, wovon ich diese Nacht träume. (Es ist nicht Tony)







Teaching Total

8. Juli 2010:

Der Tag beginnt wieder vernebelt, vielleicht liegt’s auch daran, dass ich noch nicht ganz wach bin. Nach einer Stunde Beine vertreten auf Station geht’s zum ersten Teaching des Tages. Alle möglichen Frakturen, Komplikationen und Knochenrekonstruktionen werden durchgesprochen. Dr. Stone ist einer der wenigen Ur-Neufundländer, die normales Englisch sprechen. Sogar ich verstehe, dass er über Knochenbrüche referiert und nicht von Kochrezepten schwärmt. Vollgetankt mit frischem Wissen mache ich mich auf den Weg in die Ambulanz. In der Tumor-Sprechstunde sehe ich mehr TEPs als Karzinome, alles läuft ganz entspannt. Mittags werden Pizza mit Garlic Fingers bestellt, das trägt zusätzlich zum guten Klima bei. Am Nachmittag wechseln die Docs und Dr. Stone gibt seine Fußsprechstunde. Besonders un-German findet die Begutachtung eines bekannten MRSA-Patienten mit abheilendem Ulcus statt. Ohne jegliche Vermummung (und sowieso ohne Handschuhe) wird der lädierte Fuß beäugt und Schorf abgepult. Bäh! Ohne Handschuhe fasse ich nicht mal bei uns verwahrloste Zehen an. Mir ist leicht übel. Mein Canada-Mitbringsel hab ich damit auch gleich organisiert: MRSA. Füße wechseln sich mit Sprunggelenken ab, gelegentlich werde ich nach Zehenmuskelinnervation gefragt, bis es kurz nach 5 ist. Das Wartezimmer ist leer, Hoffnung keimt auf. Aber nein, dank meiner übereifrigen Clerk erinnern sich alle an das noch ausstehende Tibia-Teaching und wir dürfen in die Doctors Lounge umziehen. Dort spielt unser Chief Resident die Highlights seiner ER-Karriere nach. Offene Tibiafrakturen scheinen bei ihm an der Tagesordnung zu sein. Es geht immer die Runde rum, ich darf ein Röntgenbild befunden (und werde sogar gelobt) und einen krassen Bruch richten. Den hab ich fälschlicherweise nur reponiert und gecastet und damit zu lang gewartet (an eine Op denke ich noch 11h Krankenhaus wirklich nicht mehr). Unser Patient entwickelt prompt ein Kompartmentsyndrom. Glücklicherweise rettet mein anderer Clerk die Situation und schlitzt das Bein gerade noch rechtzeitig auf. Puh, das ging ja grade nochmal gut. Zum Glück war alles nur Fiktion und wir können gegen halb 7 völlig knülle das Krankenhaus verlassen. Das ist persönlicher Rekord: 11,5h im Health Science Center. Warum hab ich dort eigentlich noch kein Zimmer beantragt?

Zu Hause treffe ich keine Sophie an, sie ist also doch ins Fitti. Ich schnappe also meinen Turnbeutel und spurte los. Fleißig ist sie schon an den Geräten und ihr Bizeps lässt mich vor Neid erblassen. Besonders produktiv bin ich nach dem Hammertag nicht mehr, aber immerhin werde ich keine Einschlafprobleme haben…


Mittwoch, 7. Juli 2010

2014

6. & 7. Juli 2010:
Am Dienstag ist etwas völlig unerwartetes passiert: ich wurde für 4 Stunden aus dem Krankenhaus entlassen, weil absolut nix zu tun war. Ich werde angepiepst, falls meine Hilfe benötigt wird, meinte der Resident. Klar, piep ruhig , als German Clerk bin ich über keinen Pager zu erreichen. Noch bevor er seinen Irrtum bemerken konnte, habe ich mich schnell aus dem Staub gemacht. So ist es mir allemal lieber, als wenn ich Stunden sinnentleert warte oder bei einer Knie-TEP zuschaue. Zu Hause habe ich mir endlich die zusätzlichen Decken organisiert, da es nachts immer so bitter kalt ist. Jetzt kann ich mich schön in meinen Schlafsack kuscheln und decke 3 dieser blauen Laken drüber. Natürlich habe ich auch pflichtbewusst in die Bücher geschaut und mich über Ankle Fractures belesen. Zum Tutorium um 3 war ich damit gut vorbereitet. Am Spind habe ich dann die anderen PJler getroffen, die sich auf den Heimweg machten, als es für mich erst in Runde 2 ging. Das Teaching war super, ich konnte mich auch wesentlich besser konzentrieren als nach 9 Stunden Ambulanz. Mit Herrn Weber und Lauge-Hansen bin ich jetzt per du. Sehr lustig klingen diese deutschen Namen, wenn man sie neufundländisch betont. Voller Energie ging's im Anschluss wieder ins Fitti zum üblichen Trainingsprogramm, wir wollen uns ja abends nicht langweilen.

Mittwoch, der Tag der Entscheidung, beginnt verregnet, aber dafür milder als erwartet. Mit T-Shirt, 2 Pullovern und Jacke komme ich auf dem Weg ins Krankenhaus fast ins Schwitzen. In der Ambulanz sehe ich abwechselnd gebrochene Beine und Arme. Alles wird geröntgt, durchbewegt und ins Dictaphone (echt cooler Name für einen Telefonhörer) gesprochen. Der Tag vergeht wie im Flug. Ständig werde ich nach meiner Prognose für das heutige Spiel gefragt. Festlegen mag ich mich nicht. Halb 3 bin ich etwas hibbelig, muss ich doch den Weg ins Duke zu Fuß bewältigen. Ich frage vorsichtig, ob ich mich auf die Socken machen kann. Natürlich werden die Clerks gleich mit nach Hause geschickt. Für sportliche Events scheinen die Kanadier Verständnis zu haben. Ich tigere ins Pub, komme sogar pünktlich um noch einen Stehplatz zu ergattern. Die folgenden 90 Minuten sind ja allgemein bekannt. Ich verzichte also auf jede Wertung. Mein Soccer-Clerk war ganz betrübt, er hat (im Gegensatz zu 90% der Zuschauer) Germany supported. Ich weiß jetzt schon, was morgen für Fragen und Mitleidsbekundungen auf mich einstürzen... Um uns zu trösten, suchen wir (5 deutsche Pjlerinnen) nach Nahrung. Frustessen. Wir kehren in ein indisches Restaurant ein und es gibt wunderbares Hühnchen mit Reis. Bei dem super Essen rückt die schmerzliche Niederlage in den Hintergrund. Immerhin gibt's in 4 Jahren die nächste Chance auf den heiß begehrten Titel :-)

Dienstag, 6. Juli 2010

Haunted Hike

5. Juli 2010:

Nach dem awesome Wochenendtrip fällt das Aufstehen am Montagmorgen verdammt schwer. Ich tapse bibbernd trotz Handschuhen zum Krankenhaus. Dort treffe ich gleich 2 neue Residents, meine Clerks haben sich glücklicherweise nicht auch noch vermehrt. Es folgt die übliche Morning-Round, dann geht’s in die Ambulanz. Da ich meine Briefe jetzt (sehr mühselig) selbst diktiere, habe ich weniger Leerlauf zwischen den Patientenkontakten. Ich hoffe, dass diese Schriftstücke erst nach meiner Abreise den Weg zu den Ober-Docs finden. Es könnte sonst etwas peinlich werden. Im medizinischen Fachgesimpel drücke mich immer noch recht einfach und grammatikalisch haarsträubend aus. Die Pronunciation von den Medizinerwörtern ist aber auch zum Zunge brechen!

Am Abend gehe ich mit Sophie zum „Haunted Hike“. Diese Aktivität ist wieder von der Uni organisiert und soll eine Art gruselige Stadtführung bei Nacht werden. Um 9 PM ist Treff am Campus, dann geht’s mit einem dieser coolen gelben Busse downtown. Wir werden vor einer Kathedrale abgesetzt und treffen dort auf unseren Führer. Es ist – für uns wohlgemerkt - frostig kalt. Dennoch sehe ich Mädels in kurzen Hosen und FlipFlops ohne Frostbeulen an den Füßen. Die Schuhe sind bestimmt mit Heizsohlen ausgestattet. Wir laufen in recht großer Runde durch die dunklen Straßen. In Innenhöfen oder an ehemaligen Grabstätten wird Halt gemacht und unser Führer erzählt eine gruslige Legende, die sich angeblich vor Jahren an diesen Orten zugetragen hat. Zum Beispiel soll man an der Stelle, wo sich mein Krankenhaus jetzt befindet, Knochen von verschwundenen Kleinkindern gefunden haben. Bloß gut, dass sich dort jetzt der Janeway (St. John’s Kinderklinik) befindet. Nach einer reichlichen Stunde hat der Spuk ein Ende und wir werden nach Hause chauffiert. Hoffentlich bekomme ich jetzt keine Alpträume…

Bild: Die gefährliche Pitcher-Plant liebevoll fotografiert von Sophie :-)