27. Juli 2010:
Dr. Rockwood ist für zwei ganze Wochen "off", demzufolge findet heute keine orthopädische Sprechstunde statt. Ohne Zeitdruck visitieren wir mehrere Stunden, nur durch ein kleines Morgen-Teaching unterbrochen. Die Dauer ist zum großen Teil den langen Reisezeiten zwischen den einzelnen Patientenbetten geschuldet, wir bewältigen geschätzte 10 km zu Fuß. Gegen 11 zieht unser ganzes Ortho-Team geschlossen in den OR. Dort soll ein unschuldiges, einzelnes Knie ersetzt werden. Bevor der große Zank um die heiß begehrten Assistenzplätze losbricht, bekunde ich mein Desinteresse. Ich darf im Gegenzug mein erstes eigenes Ortho-Konsil bestreiten. Ein älterer Herr ist mit einem geschwollenen Knie auffällig geworden. Ich erhebe also Anamnese und Status, kann mir aber keinen Reim darauf machen. Ich stelle den ganzen vertrackten Fall meinem Resident des Vertrauens vor und wir rätseln gemeinsam weiter. Als wir zu keiner befriedigenden Lösung kommen, stopfen wir den Konsilschein einfach in den hintersten Teil der Patientenakte. Der Fall ist somit bis auf weiteres (oder einen spontanen Geistesblitz) vertagt.
Zurück im OP verpasse ich um Haaresbreite eine Minitumorentfernung aus dem Deltoideus einer jungen Frau. Wäre ich tatsächlich präsent gewesen, hätten wir zu viert ihre zarte Schulter beäugt. Als Trost nimmt mich Dr. O'Dea (ja, genau DER) mit in den benachbarten Op-Saal. Auf das, was mich dort erwartet, bin ich nicht im Mindesten vorbereitet. Ich sehe zwei behaarte Beine, von den Leisten bis zu den Knien aufgeschnitten. Diagnose: nekrotisierende Fasziitis nach Fahrradunfall. Zu zweit pro Bein wird jetzt also Schadensbegrenzung betrieben. All das tote Muskelmaterial wird großflächig entfernt. Ich dachte, mittlerweile wäre ich robust, was solche Operationen angeht. Aber hier habe ich wirklich arg mit mir zu kämpfen. Ich bin heilfroh, dass es nach 2 Stunden vorbei ist, und ich endlich an die frische Luft komme. Ich weiß einmal mehr: (Unfall)Chirurgie ist nix für mich.
Zu Hause habe ich nur kurz Zeit, mich zu erholen. Denn schon halb 7 PM sammelt uns Dr. O’Dea am Krankenhausparkplatz ein. Wir fahren 20 Minuten Richtung Küste, die Häuser werden weniger, dafür aber umso beeindruckender. In St. Philips hat man einen fantastischen Blick auf Bell Island und den Ozean. O’Deas Haus macht da keine Ausnahme. Die Lage ist einfach der Wahnsinn! Wir bekommen eine Führung durch den Garten (mehrere Terrassen, Pool, kleiner Golfplatz) und das Haus (Billard- und Fernsehzimmer, 4 Bäder, Whirlpool, Fitnessraum) und danach Abendbrot. Jennifer O’Dea („his wonderful wife“) ist unglaublich sympathisch und die zwei Kids (beide klassisch irisch mit knallroten Haaren) sind goldig. Puppy Lucky, ein englischer Setter, ist ganz aufgeregt und muss zum Essen in seine Box. Er ist eben nicht so hervorragend erzogen wie die Tia :-) Dennoch sind wir uns einig: hier wohnt die perfekte Bilderbuchfamilie im Paradies. Wir erhalten genaueste Instruktionen, was wir beim Housesitting zu beachten haben: den gut gefuellten Kühlschrank erleichtern, per Auto die Insel erkunden, Party machen und die Zeit genießen. Ich glaube, das wird uns nicht sehr schwer fallen...
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