Die morgendliche Visite ist normalerweise unspektakulaer. Heute liegt ein neuer Patient im hintersten Zimmer. Er ist erst 20 Jahre und mir ist schleierhaft, was alle so einen Hokuspokus um ihn betreiben. Nach einem klaerenden Gespraech mit Kristina und einem Blick in die Akte bin ich schlauer. Ihn hat in Afghanistan eine Mine erwischt und schwer verletzt. Daraufhin wurde er zur Erstversorgung nach Deutschland geflogen. Ihm geht es nun besser und er konnte in seine Heimat zurueckverlegt werden – nach Neufundland. Mich schockieren seine Verletzungen: BKA links (Bein ab), zahlreiche Hauttransplantate und Narben am ganzen Koerper. Die Residents sind eher an seinem sozialen Background interessiert: Wie kann man denn mit 20 eine Verlobte haben, die zudem noch schwanger ist? Nach allem, was ich hier beobachtet habe, ist das durchaus normal. Die an der Diskussion beteiligten Aerzte sind selber fast alle mit ihrer High-School-Liebe verheiratet und haben ausreichend Kinder produziert. Haben die das vergessen? Amputationen von nicht-diabetischen Gliedmassen werden allgemein als nicht so dramatisch und diskussionswuerdig empfunden. Das zeigt auch der Besuch bei unseren Aussenliegern. Dort steht bei einem 21-jaehrigen mit Plexusparese die Amputation des Arms im Raum. Voellig unglaeubig frage ich, ob der Neurologe denn schon hinzugezogen wurde. Der Resident guckt mich erstaunt an: Was soll der denn machen? Plexus kaput ist endgueltig. Es haben doch zig psychologisch fundierte Studien belegt, dass fruehzeitige Amputationen direkt nach dem Trauma ein viel besseres Comming-Out haben, als wenn man noch Wochen zuwartet. Und Mark erzaehlt mir von all seinen Patienten, die jetzt gluecklich mit Prothese Fussball spielen. Irgendwie will mir das nicht so recht in den Kopf...
Um mich auf andere Gedanken zu bringen, gehe ich in die Klinik. Mit Dr. Hogan arbeite ich gerne in der Ambulanz zusammen. Er erinnert mich immer an einen alten Baeren: gross, breit und gemuetlich, ausserdem Suessigkeiten nicht abgeneigt. Er sorgt stets dafuer, dass eine reichhaltige Auswahl Tim Hortons-Leckereien den Weg in die Klinik finden. Ich denke, das beeinflusst das allgemeine Arbeitsklima nicht negativ. Ich verabschiede mich schon etwas eher aus dem Krankenhaus, um die letzten Formalitaeten fuer den bevorstehenden Umzug zu managen.
Zu Hause ueberrascht mich Sophie, die scheinbar noch zeitiger Schluss hatte. Das Internet hat sie wieder in Gang gesetzt, endlich sind wir wieder an die Aussenwelt angekoppelt.
Ich lasse die Daten unseres Aufenthaltes aendern und die zu viel gezahlte Miete rueckbuchen. Alles verlauft unproblematisch. Wie schoen, wenn alles einfach mal klappt.
Wir liegen super im Zeitplan, sodass wir uns schon gegen 6 PM auf den Weg zum (mittlerweile dritten) Besuch von „The Rooms“ machen. Diesmal lassen wir die ungewoehnliche Ausstellung „Shorelines“ auf uns wirken. Dort werden Foto-Video-Installationen und interaktive Klang-Arbeiten gezeigt. Sophie und ich komponieren tanzend ein eigenes Lied. Es klingt gar nicht so doof, wie manch einer vielleicht denkt. Die Eisbergbilder von Tara Bryan sind umwerfend. Gerne wollen wir sie fotodokumentieren, aber der Security riecht scheinbar unsere Plaene und laesst uns von da an nicht mehr aus den Augen.
In gewohnter Weise begiessen wir unseren kulturellen Input mit einem Hot Smoothie und laufen (ein letztes Mal?) ueber den Berg zurueck zum Hatcher House.
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