Dienstag, 6. Juli 2010

It's awesome!

04. Juli 2010:

Zur Vorabinfo: Im Nationalpark habe ich nicht nur ein Karibu gesehen und den Gros Morne Mountain bestiegen, nein ich habe auch ein neues Wort gelernt: Awesome. Das klingt total cool, wird von jedem ständig gesagt und passt scheinbar auf alle Situationen, die nicht ganz doof laufen. In den vergangenen Tagen habe ich „awesome“ bestimmt 100x gehört und 30x selbst ausgesprochen. Irgendwann kann man es nicht mehr hören und alles ist wieder „great“, „fantastic“ und „really good“. Ich versuche dieses a-Wort im normalen Sprachgebrauch also zu vermeiden.

Weiter im Text:

Nach einer unruhigen Nacht in der Cabin werfe ich einen Blick nach draußen. Unsere Plastestühle liegen ein paar Meter von der Veranda entfernt. „Electra“ hat glücklicherweise keinen sichtbaren Dachschaden davongetragen. Da es immer noch regnet, fällt unser geplanter Hike buchstäblich ins Wasser. Wir begeben uns zum Trost ins kleine, süße „Java Jack“, ein gemütliches Cafe in Rocky Harbour. Dort bekommen wir leckeren Cappuccino und verspeisen riesige Beerenmuffins. Mhmm, it’s awesome, äh, schmackhaft!

Es regnet immer noch, also treten wir die 8stündige Heimreise an. Berge, Seen und Nadelwälder wechseln sich am Straßenrand ab. Wir legen wieder Kaffeepause beim Tim Hortons ein und lassen das awesome, ups, tolle Wochenende Revue passieren. Gegen 6 erreichen wir St. John’s, laden Rucksäcke und Mitfahrer aus und Clarissa und ich bringen „Electra“ zur Autovermietung am Flughafen zurück. Um in die Stadt zurück zu kommen, organisieren wir ein Taxi. Wir plaudern bissl mit dem Fahrer, wo wir herkommen, was wir in St. John’s treiben, und dass wir am Wochenende im Gros Morne Park waren. Wir wollen gerade ausdrücken, dass es richtig schön dort ist, da sagt er schon „Oh, yes, it’s so awesome!“. Ok, ich gebe mich geschlagen, dieses Wort werde ich so schnell nicht mehr los.


Zur Feier des Tages ein Moose, bitte!

3. Juli 2010:

Neuer Tag, neues Wanderteam. Diesmal fahren wir gemeinsam zum Startpunkt und trennen uns dort. Ich gehe mit Sophie einen 5km Hike zu den Bakers Brook Falls. Da wir sehr zeitig unterwegs sind, die anderen Zelt- und Cabinbewohner sicher noch schlafen, hoffen wir auf ein morgendliches Moosetreffen. Wir schleichen erwartungsvoll durch den Wald und durch die Sumpflandschaft. Die Kamera immer bereit zum sofortigen Abdrücken. Wir sehen Hufspuren, die meinen Wanderschuhen in nichts nachstehen. Hier müssen Elche leben! Auch im Matsch war scheinbar eine Mooseparty, wachteleigroßer Köttel liegt überall. Plötzlich knackt es, wir schon ganz aufgeregt – nicht das wir gefressen werden! Aber nein, uns kommen nur zwei Frühaufsteher-Touris entgegen. Wie ist das denn möglich?! Haben die hier genächtigt? Bestimmt haben die all das schlummernde Großwild verjagt. Nix mit Moose-Watching. Also konzentrieren wir uns auf die Pflanzenwelt. Ist ja auch ganz spannend. Blaue Iris hier, weiße Orchideen da und zwischendrin immer diese tolle Pitcher-Plant. Das sind gefährliche fleischfressende Monsterblumen, die sicher ein ganzes Moose verschlingen können :-) Nach einer reichlichen Stunde dringt ein Rauschen an unsere Ohren, wir nähern uns also dem Ziel. Und tatsächlich sehen wir einen beachtlichen Wasserfall. Der Himmel ist strahlend blau und wir können ganz allein diesen hübschen Anblick genießen. Nach einem Müslisnack machen wir uns flinken Fußes auf den Rückweg. Dabei treffen wir auf einen älteren Herrn, der uns ganz begeistert all seine Blüten-Makroaufnahmen zeigt. Wir sind etwas neidisch und achten nun ganz penibel auf die Wegrandfauna. Hoffentlich hat uns dabei kein Elch aus dem Dickicht beobachtet…

Auf dem Parkplatz werden wir schon erwartet. Wir beeilen uns, damit wir pünktlich ins Ocean View kommen. Jaja, auch in der Pampa lassen wir uns das Deutschlandspiel nicht entgehen. Es war auch nicht ganz so einfach, ein Hotel zu finden, das 1. einen Fernseher besitzt, der 2. funktioniert und 3. auch Fußball ausgestrahlt wird. Tatsächlich wurden die Mädels gefragt, was denn so spannendes auf CBC gezeigt wird. Im Hotel hat sich schon eine kleine Gruppe versammelt, der Fernseher springt nach wenigen Minuten auch endlich ins richtige Programm. Circa 30 deutsche Fans und eine argentinische Familie fiebern mit. Nach dem tollen Spiel beschließen wir, den Sieg mit einem Grillabend zu feiern.

In Partystimmung fahren wir nach Norden zum Broom Point. Dort schauen wir uns die verlassenen Häuser einer alten Fischerfamilie an. Die 3 Brüder haben vor Jahren ihr gesamtes Hab und Gut an den Nationalpark verkauft. So ist alles - von Tapete, über Hummerfallen bis hin zum Nachttöpfchen – erhalten und in den Hütten zu besichtigen. Wir kehren widerwillig in die Gegenwart zurück und fahren zum Western Brook Pond. Fast wäre ich eingeschlummert, hätte Sophie nicht plötzlich gebremst. Irgendwas steht an der Straße. Mit Geweih und weiß-braunem Fell. Ein Moose! Wir springen aus dem Auto, knipsen wie wild. Das Tier hat überhaupt keine Eile und scheint das Fotoshooting zu genießen. Mittlerweile stehen 5 Autos am Straßenrand. Wir vergessen dabei fast, dass wir noch eine Bootstour auf dem Plan haben. Der Elch trollt sich und wir düsen zum Fjörd. Fast rennend bewältigen wir die 3km bis zur Bootsstation. Da wir 2min vor Abfahrt eintreffen, werden wir nicht mal nach unseren Parkausweisen gefragt. Glück gehabt und Geld gespart. Wir haben die ganzen Tage auf die Investition von knapp 10 CAD pro Person verzichtet. Fix ins Boot gesprungen, schon steht der nächste Elch am Wasser. Der gute Kerl ist etwas schüchtern, sodass wir Mühe haben, ihn überhaupt am Ufer auszumachen. Bei den sich anschließenden Tierdiskussionen kommt der Verdacht auf, dass wir gar keinen Elch, sondern ein Karibu gesehen haben. Wir sind etwas enttäuscht, aber es wird uns versichert, dass Karibus viel seltener im Park gesichtet werden. Davon leben nur 500 Stück im Park, Elche gibt es 10x so viele. (Wir zeigen die Fotos am nächsten Tag in der Touristeninfo. Dort bestätigt man den Karibu-Verdacht.) Je weiter wir in den Fjörd fahren, desto besser wird das Wetter. Die Wolken reißen auf, die Sonne scheint. Wir sehen riesige Felswände, kleine Wasserfälle und hören neufundländische Musik. Klar ist das ziemlicher Massentourismus, aber zu Fuß braucht man Tage, um bis ans Ende des Fjörds zu schwimmen. Mit dem Boot braucht man nur eine Stunde und wird auch nur an den Füßen nass.

Bevor der Akku der Kamera schwächeln kann, sind wir schon wieder auf dem Rückweg. Wir sammeln Stefanie ein und gehen in den Supermarkt. Tante-Emma-Laden trifft wohl eher zu. Die Auswahl ist ernüchternd. Kein Grillgut in den Regalen, keine Maiskolben in der Gemüseabteilung. Wir fragen, wo man denn so was bekommt. Der Typ führt uns zu einer Kühltruhe und – Sesam öffne sich – dort lagern Steaks, Schnitzel und Geflügelbeinchen. Aber nein, nicht wie bei uns fein säuberlich in Kartons. Hier paniert die Oma noch selbst zu Hause, wiegt ab, stopft alles in Gefrierbeutelchen und schreibt (ohne Angabe eines Haltbarkeitsdatums, logo) den Preis drauf. Erst sind wir skeptisch, dann wühlen wir doch in der Truhe nach den Hühnerteilchen. Alle Keime werden später ohnehin totgeröstet. Gegen 8 treffen die anderen Mädels vor unserer Cabin ein. Wir entfachen das Feuer in unserem Gasgrill und feiern den grandiosen Sieg. Die Mädels haben sogar Süßkartoffeln, frischen Lachs und Nudelsalat beschafft, alles wird verkostet. Unsere panierten Hühnerbeinchen schmecken ebenfalls toll. Wir essen, bis wir fast platzen. Das Wetter wird zunehmend ungemütlich, sodass wir alles vor dem nahenden Sturm in Sicherheit bringen und uns ebenfalls in die Cabin flüchten.


Montag, 5. Juli 2010

Gros Morne Mountain


2. Juli 2010:

Ausgeschlafen machen wir uns zu dritt (Clarissa begleitet uns) auf den Weg zum Gros Morne Mountain. Das ist der höchste Berg (806 m) im Park und die Strecke soll in 7 bis 8 Stunden gelaufen werden. Unsere Rucksäcke sind mit Proviant, Jacken, Kamera und Karten gut gefüllt. Wir laufen auf breiten Trampelpfaden durch den Nadelwald, später führen uns Holzplanken über sumpfige Gebiete, bis die Gegend immer karger wird. Am Decision Point sehen wir zum Gipfel rauf, der völlig in den Wolken verborgen liegt. Große Schilder weisen darauf hin, dass ein Aufstieg nur bei sicherer Wetterlage zu unternehmen ist. Aber umdrehen, wenn wir schon 4 km gewandert sind? Nö. Am felsigen Hang sehen wir Leute hochkraxeln, also geben auch wir uns einen Ruck und beginnen den Aufstieg. Nach wenigen Metern wird klar, dass es dieser Berg in sich hat. Teilweise auf allen 4en krabbeln wir über das Geröll. Einige Steine sind recht wackelig, sodass Mini-Lawinen losgetreten werden. Wie ausgemacht, arbeitet sich jeder im eigenen Tempo vor. Nach der Hälfte merke ich die Anstrengung deutlich in den Oberschenkeln, aber ein toller Ausblick bestärkt zum Weiterkämpfen. Die Wolken ziehen immer mehr zu, wir klettern höher, es wird frischer. Auf einem kleinen Absatz treffe ich eine rastende 4er Gruppe, die mich gleich adoptieren will. Ich beschwichtige sie und erkläre, dass ich nicht allein unterwegs bin (Sophies Kopf taucht an der Kante auf). Am Ende des steilen Anstiegs finden wir noch ein kleines Fleckchen Schnee, das mutig dem Sommer trotzt. Wir schießen Beweisfotos. Endlich am Gipfel angekommen, packen wir die Sandwiches aus und erholen uns. Es ist wieder bitterkalt und extrem windig. Da wir praktisch in den Wolken stecken, beträgt unsere Sichtweite kaum 100m. Ins Tal können wir so nicht mehr schauen. Es sieht nun alles so aus, wie man sich Neufundland vorstellt. Als Clarissa zu uns stößt, sitzen wir dick eingepackt, mit Handschuhen und Kapuze, da und frösteln. Wir beeilen uns mit dem Essen und treten schnell den Rückweg an. In weitem Bogen geht es (wieder über Geröll und Felsen) um den Berg herum. Mit zunehmender Vegetation steigen auch die Temperaturen wieder an. Schon fast im Tal treffen wir auf eine Gruppe Mediziner und machen eine kleine Keksrast. Bei Sonnenschein legen wir die restlichen Kilometer schnell zurück. Dennoch freuen wir uns, als uns die aufgeheizte „Electra“ erwartet.

In der Cabin treffen wir wieder auf Stefanie, die den Tag mit einer anderen Gruppe verbracht hat. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg in den Ort um irgendwo Abendbrot zu essen. Die drei Mädels wollen unbedingt Moose-Burger (also Elch zwischen Brot gepresst) probieren, was die Auswahl an Lokalen einschränkt. Wir betreten nach längerem Marsch eine Art Bistro und fragen nach den Elch-Häppchen. Die Kellnerin ruft (ganz professionell) in die Küche: „Sag mal, haben wir Moose-Burger?“ Da keimt doch Hoffnung auf! Die Antwort aus der Küche können wir nicht verstehen, wir sollen aber Platz nehmen. Ich suche mir frischen Lachs mit Reis und Gemüse raus, die Mädels bestellen sich ihre Burger mit Pommes. Die junge Bedienung ist sichtbar überrascht, dass mal was unfrittiertes geordert wird. Wir lästern sogleich, dass hier wahrscheinlich überhaupt das erste mal jemand Fisch mit Reis bestellt. Nach wenigen Minuten kommt unser Essen. Mein Tier schmeckt super, man erkennt auch sofort, dass es einmal ein Lachs war. Die Mädels vermuten in ihren Buletten allerdings eher ein Rind als einen Elch. Den ultimativen Test – die Bestellung eines normalen (Rinder)Burgers – lassen wir allerdings wegen allgemeinem Sättigungsgefühl bleiben :-)


Sonntag, 4. Juli 2010

Canada-Day


1. Juli 2010:

Nach nächtlicher Debatte haben wir uns doch auf eine angenehmere Startzeit (6 AM) geeinigt und schaffen eine fast pünktliche Abreise Richtung Westen. Der Trans Canada Highway 1 liegt noch völlig im Nebel als wir den ersten Tim Hortons ansteuern. Mit Hot Smoothie wird schnell fürs Erinnerungsfoto gepost und dann schießt „Electra“ (unser fahrbarer Untersatz) auch schon durch den Parkeingang. Doch Halt – 8,90 CAD müssen an der Pforte pro Tag und pro Person entrichtet werden. Da wir das bissl happig finden überlegen wir sogleich, wie wir der ganzen Sache entgehen können. Unsere Schlachtpläne werden allerdings nicht geprobt, denn es ist Canada-Day! Und zur Feier des Tages ist der Eintritt in den Nationalpark frei. Das ist doch mal eine nette Begrüßung!

Ohne Umwege steuern wir sogleich den ersten Trail an. Eine kurze Wanderung im Süden des Geländes führt uns in die Tablelands. Eine Art Mondlandschaft mit viel Gestein und kleinen Bach gibt es zu bestaunen. Bei Sonnenschein ist die anstrengende Fahrt recht schnell vergessen und der erste „Hike“ macht Lust auf mehr.

Nachdem wir unsere Cabin (1 Zimmer mit 2 großen Betten und Bad) in Beschlag genommen haben, machen wir uns auf den Weg zur Canada-Day-Party in Rocky Harbour. Wir erreichen einen kleinen Hügel auf dem sich schon ein paar Leute tummeln. Etwas verdutzt betrachten wir ein abgesperrtes Areal. Am Zaun baumeln Wimpel mit Bierkrügen. Vielleicht werden dort Spiele veranstaltet? So was wie Ferkel im Schlamm einfangen? Es werden immer mehr Menschen auf der anderen Seite. Komisch, die Familien mit Kindern bleiben bei uns und dem Alleinunterhalter. Langsam wird uns klar, dass hinter dem Zaun der Alkoholbereich liegt. Es werden also alle Biertrinker in eine Art Gehege gepfercht, das lustig angestrahlt und mit Wimpeln verziert ist. Wir setzen keinen Schritt über die Grenze und vertreiben uns die Zeit mit den anderen 4 PJler-Mädels bei guter Livemusik. Gegen 10 ist alles in Nebel gehüllt, es windet stark und ist eisig kalt. Trotz Handschuhen beschließen wir den Rückzug in die Cabin anzutreten. Das Feuerwerk ist bei den Nebelschwaden nicht mehr auszumachen. Außerdem ist es bestimmt nicht von Nachteil ausgeschlafen die erste Bergbesteigung anzutreten…