Montag, 21. Juni 2010

Use it, but don't abuse - use or loose it


21. Juni 2010
Der erste Arbeitstag beginnt wolkenverhangen und (diesmal ausgeschrieben, auf Wunsch eines einzelnen Herren) regnerisch. Halb 7 gehe ich aus dem Haus und bin pünktlich auf meinem "Orthopedic Floor". Wie durch ein Wunder habe ich den Weg dorthin wiedergefunden. Nach und nach trudeln die 3 Ärzte ein, alle mit Tim Hortons-Becher bewaffnet, und wir starten die Visite. Meist werden die Fälle vor dem Patientenzimmer diskutiert. Drinnen ist auch kein Platz, da die Räume mit Decken, Kisten und Gasluftballons (wie solche vom Rummel) vollgestopft sind. Die Krankheitsbilder sind denen in Deutschland recht ähnlich: Hüfte, Schulter und Rücken. Nach einer Stunde breche ich zur "Orientation Round" auf und treffe auf eine nette Dame. Sie zeigt mir das ganze verwinkelte Krankenhaus. Es gibt 2 Tim Hortons und mindestens 2 weitere Imbisse, also kein Wunder, dass hier alle an Adipositas per magna leiden! Die 3. Etage dient nur als Feuerfluchtweg und als Abkürzung zur Cafeteria, ist sonst aber nur eine Art Gang. Es gibt außerdem keinen Fahrstuhl, der im 2. Stock hält. Die gute Fee führt mich auch noch zu meinem Spind im Keller (hier im 1.Stock lokalisiert), der mitten auf einem Gang steht. Da werde ich mich in Zukunft umziehen, gut sichtbar für jeden verirrten Patienten :-) Nach einer Stunde bin ich völlig desorientiert und erhalte noch einen Computer-Crashkurs. Ich werde die nächsten Tage testen, ob ich etwas davon behalten habe. Als ich wieder auf Station will, ist mein "guter" Fahrstuhl out of order. Ich kämpfe mich durch Wartezimmer, Röntgenabteilung, Steri und lande in der Augenklinik. "Are you lost?" Totally. Mir wird der Weg in die Ambulanzsprechstunde gezeigt. Dort schaue ich mir gemeinsam mit den Residents die Patienten an und darf auch eine Cortisol-Injektion in einer Schulter versenken. Wir arbeiten fein steril. Später hänge ich mich an den Chef, der verzichtet beim Spritzen gleich ganz auf Handschuhe und zieht die Kanülenhülle lässig mit dem Mund ab. Wow, das mache ich auch beim Examen! Zu meinem Elend gibt's ganz arge Verständnissprobleme, als der alte Herr mit noch älteren Eingeborenen spricht, den Kiefer nur noch millimeterweit öffnet, in einen fiesen Dialekt verfällt und dabei auch noch Kaugummi kaut. Das hört sich dann ungefähr so an: "Grrraggokaygggaggg?" "Mhpainhhh" "Grrkneeuuuhurtsggguru". Alles klar, oder? Eher verständlich ist dieser Tip für alle Prothesenträger: Use it, but don't abuse - use or loose it. Mit diesen Worten gehe ich mal Brot kaufen.

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