Mittwoch, 30. Juni 2010

Die große Clerkflut

28. Juni 2010:
Nach einem schönen Wochenende begebe ich mich erholt in die Klinik, finde auch prompt den richtigen Abzweig zum Spind. Durch meine neue Abkürzung spare ich ganze 3 Minuten. Der Weg zur Station gelingt ebenso problemlos, nur wundere ich mich, dass schon Ärzte anwesend sind. Aha, das sind wohl die zwei neuen Residents, die eifrig am PC tippen. Ich gehe brav hin, stelle mich vor und sehe zu meiner Überraschung, dass ich mit Clinical Clerks (also mein Level, nur eben kanadisch) spreche. Schön, da habe ich jemanden, der mich im OPD (Outpatient Department)
unterstützt. Die Freude währt nicht lang, Clerk Nr. 3 kommt um die Ecke. Es wird recht voll hinterm Tresen, wir ziehen also auf den Gang. Hier muss scheinbar ein Nest sein! Etwas verschlafen schlurft der nächste Clerk an, ganz cool mit Umhängetasche. Ich frage ganz vorsichtig, ob wir nun vollständig sind. Ja. Als die verdutzen Residents eintreffen, sind bereits 20 Minuten vergangen. 7 AM Morning Round heißt hier nur, bis um halb 8 einen Kaffee auf Station getragen zu haben. Wir absolvieren die morgendliche Visite, ein Teil von uns muss vor den Patientenzimmern ausharren, da einfach nicht genug Platz vorhanden ist. Die Patienten sind schwer beeindruckt von der Unmenge weißer Kittel. Danach geht’s für die ganze Traube (4 Clerks+2Residents+ich) ins OPD und der Kampf um die Untersuchungszimmer beginnt. Häufig kommt es zum Stau, da wir alle unsere gesehenen Patienten dem Hintergrund-Doktor vorstellen müssen. Um das Chaos noch perfekt zu machen, trifft eine weitere deutsche PJlerin ein, weil auf ihrer Station um 10 schon alles erledigt war. Für die Flut an arbeitswütigen (angehenden) Ärzten sind einfach zu wenig kranke Menschen bestellt. Nach nur 5, recht lehrreichen Patientenkontakten wird es dem Chief Resident zu bunt und er will jemanden nach Hause schicken. Als sich die anderen Studenten weigern, trete ich den Heimweg an. Das passt mir ganz gut in den Kram, wollte ich doch bissl was online erledigen.
Im Hatcher House eingetroffen, sofort den Laptop gestartet - kein Internet. Frustriert begebe ich mich an unsere Rezeption. Die wissen keinen guten Rat und schicken mich zum PC-Spezi in die vierte Etage. Mit Laptop unterm Arm stelle ich mich in der Schlange an und präsentiere kurze Zeit später mein Anliegen. Ein Re-Setup muss her, soso, und das wöchentlich. Der nette Mensch tippelt eifrig und ich frage ihn, wie er denn all die Anweisungen auf Deutsch verstehen kann. Die Bottons, meint er, sind doch in der jeder Sprache an der gleichen Stelle. Ich bin schwer beeindruckt und meine Hochachtung wächst noch mehr, als Skype tatsächlich wieder fröhlich piept.
Sophie trifft kurz darauf an und wir treten die vertraute Reise zum Walmart an. Die Busse sind heute ausgesprochen pünktlich, die Fahrerin wieder nett. Wir bekommen unsere 2 Isomatten, Tagesziel erreicht. Noch nicht ganz, es fehlen noch die Vitamin-C-Brausetabletten! Also zische ich ab in die Pharmacy-Abteilung (Apotheken sind hier in den Supermarkt integriert). Einige Minuten irre ich zwischen ß-Blockern und Schwangerschaftstests umher, bis mich ein junger Typ fragt, ob er mir helfen kann. Dass ich Vitamin-C-Tabletten suche, kapiert er recht schnell, nur warum ich die in einer ganzen Flasche Wasser auflösen möchte, ist ihm schleierhaft. Also nagelt er mir vorm Ersatzpräparateregal ein Gespräch ans Knie. Wo ich denn her komme (Habe ich immer noch keinen Neufundlandakzent?), was ich hier treibe und wozu ich Wasser mit Vitamin-C-Geschmack haben will. Und dann kommt sein großer Vorschlag: Wie wär’s denn zur Abwechslung mal mit Vitamin D3? Ach, sehe ich schon so osteoporotisch aus?! Mit meiner Geduld am Ende und kurz vorm Lachanfall kläre ich ihn kurz drüber auf, dass man Knochenschwund im höheren Alter bekommt. Er ist etwas perplex. So nutze ich meine Chance, schnappe mir eine Schachtel der teuersten Vitamin-C-Tabletten und suche das Weite. Kurz vor der Kasse setzen wir die Packung auf einem Stapel Taylor-Lautner-Poster (das ist der Vampirtyp) aus. Den Vitaminmangel werden wir mit farbenfrohen Gummitierchen kompensieren müssen.

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